Die Bezeichnung Sozialkapital geht davon aus, dass die Beziehungen zwischen den Individuen durch teils geschriebene, teils ungeschriebene Regeln und durch Formen des Umgangs gesteuert werden, die dem Handeln der Einzelnen Möglichkeiten und Grenzen setzen und derart über Erfolg oder Misserfolg mitentscheiden. Die Individuen sind in soziale Netzwerke eingebunden, in denen jenseits der den Ökonomen teuren Märkte viele Leistungen – beispielsweise: Vertrauen, Anerkennung, Auszeichnung, Prestige, Einfluss, Wissen, Beziehungen oder persönlicher Schutz – angeboten und nachgefragt werden, und die Existenz und Effizienz solcher Netzwerke wird als Sozialkapital vom Geld-, Sach- und Humankapital der tradierten Ökonomie unterschieden. Dieser soziale Rahmen individuellen Handelns beschränkt sich also nicht auf die durch staatliche Gesetze und ihre Durchsetzung bestimmten Spielräume, sondern er umfaßt auch und vor allem die Regeln und Praktiken des Zusammenwirkens in Betrieben, Verbänden, Vereinen, Parteien, Kirchen und anderen Organisationen, in partnerschaftlicher, freundschaftlicher, nachbarlicher, kollegialer, karitativer oder kultureller Kooperation. Die Mitwirkung in solchen sozialen Netzwerken bedarf des Vertrauens, dass die Regeln des Umgangs, des Gebens und Nehmens, des Tuns und Lassens, eingehalten, dass Einsatz und Ergebnis für die Beteiligten im Gleichgewicht gehalten werden. Soziales Vertrauen ist also eine wichtige Komponente, eine unerlässlicher Ressource menschlichen Zusammenwirkens. Erst das Vertrauen in die sozialen Institutionen veranlasst die Individuen zu – finanziellen, materiellen und emotionalen – Investitionen in die Beziehungen zu Anderen, in das Sozialkapital.
Dieses Vertrauen und das von ihm bestimmte Verhalten im Rahmen menschlicher Netzwerke ergänzen und ersetzen die staatliche Regulierung der individuellen Beziehungen als der anderen Komponente sozialer Ressourcen. Je besser die nicht-staatlichen sozialen Netzwerke die Koordination und Integration des Verhaltens der Mitglieder bewerkstelligen – anders ausgedrückt: je größer das staatsferne, staatsfreie Sozialkapital –, umso geringer der Bedarf an staatlicher Intervention, an legislativer, judikativer und administrativer Regulierung der menschlichen Beziehungen. Vollkommenes soziales Vertrauen, perfekt funktionierende private Netzwerke, würden darum den Staat in der Sicht mancher Autoren in der Tat überflüssig machen, weil keine Aufgaben und Konflikte blieben, die der Staat regeln müsste. Freilich arbeiten die privaten Netzwerke in Wirklichkeit ebensowenig vollkommen wie das Netzwerk des Staats, und darum kann sich eine Gesellschaft glücklich schätzen, in der die privaten und staatlichen Netzwerke zum Besten Aller einen erfolgreichen modus vivendi finden.
Die Tatsache, dass die Ökonomen, sieht man einmal von der kleinen Gruppe derer ab, die sich mit der Bedeutung sozialer Institutionen für ökonomische Zustände und Abläufe beschäftigen, das Sozialkapital als gesellschaftliche Ressource bisher so gut wie garnicht in ihre Modellwelt einbauen und dieses Feld Anderen zur Bearbeitung überlassen, ist sicherlich auch dadurch bestimmt, dass soziale Netzwerke, in denen viele Leistungen außerhalb expliziter Märkte, ohne unmittelbaren Einsatz von Geld ausgetauscht werden, nicht leicht in die Welt der geläufigen Angebots-Nachfrage-Konstrukte eingebaut werden können. Dies gilt, streng genommen, aber auch für die Konzepte des Human- und Naturkapitals, die längst ihren Platz in der modernen ökonomischen Theorie gefunden haben.
Gerhard Schmitt-Rink