Die heutige Politik vertraut zu wenig auf den Markt
Prof. Hans-Werner Sinn gilt als einer der einflussreichsten und renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler Deutschlands. Mit seinem Buch „Ist Deutschland noch zu retten?“ prägte der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung den Begriff der Basarökonomie. Auf Einladung der Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie Wiesbaden (VWA) und der IHK Wiesbaden hielt er am 22. Februar einen Vortrag in der IHK. Am Rande der Veranstaltung führte die HESSISCHE WIRTSCHAFT mit ihm ein Interview.
Zur Person
Prof. Hans-Werner Sinn ist seit 1999 Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Der 49-Jährige hat außerdem seit 1984 den Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanz- wissenschaft an der Ludwig-Maximilians- Universität in München inne. Der Volkswirtschaftler studierte an den Universitäten Münster und Mannheim.
Foto Paul Müller
Die Deutsche Wirtschaft hat 2006 mit einem Wachstum von 2,7 Prozent das beste Ergebnis seit dem Boomjahr 2000 erzielt. Manche Ökonomen sprechen gar von einem „fantastischen Jahr“ mit einem „bärenstarken Ergebnis“. Reicht der Schwung für 2007 und 2008?
Er reicht auf jeden Fall für 2007. Die Investitionsdynamik entfaltet sich ja gerade erst. Am Ende des Jahres entfallen die Vorzüge der beschleunigten Abschreibung. Das ist ein Risiko. Ein weiteres Risiko liegt bei den Tarifabschlüssen, die, wenn sie hoch ausfallen, zwar den Konsum stützen, aber doch zugleich die Investitionen beeinträchtigen. Summa summarum ist das Ifo-Institut aber auch für 2008 noch sehr optimistisch und geht von einem Wachstum von mehr als 2 Prozent aus.
Die Mehrwertsteuererhöhung hat offenbar nicht den befürchteten Konsumschock ausgelöst. Sind Steuererhöhungen gar nicht das Konjunkturgift, wie oftmals beschworen?
Sie wirken für sich genommen auf jeden Fall kontraktiv beim Konsum. Aber die gute Investitionsgüternachfrage hat neue Jobs geschaffen, was den Konsum natürlich beflügelt. Im Übrigen ist die Steuererhöhung konjunkturell dann kein Gift, wenn der Staat das Geld wieder verausgabt, was er in Deutschland großenteils tut. Wenn alles wieder ausgegeben wird, wird die Konjunktur sogar angekurbelt. Die Gift-Wirkung hat nichts mit der Konjunktur, also der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, zu tun, sondern läuft eher über die Angebotsseite. Die Schwarzarbeit nimmt zu, private Investitionen unterbleiben, Kapital wird ins Ausland getrieben und so weiter. Es ist wie bei einer Droge: Sie macht high, doch der Gesundheitszustand des Körpers verringert sich.
Was halten Sie von den Vorschlägen zur Unternehmenssteuerreform? Profitieren in erster Linie die Konzerne oder der Mittelstand?
Es profitiert vor allem der Mittelstand, weil ja die Steuerbelastung der einbehaltenen Gewinne inklusive Soli und Gewerbesteuer unter 30 Prozent bleiben soll. Die Bevorzugung der Körperschaften, die wir heute haben, unterbleibt.
Prof. Hans-Werner Sinn
Foto Paul Müller
In 2005 plädierten radikale Reformer wie Prof. Paul Kirchhof und Friedrich Merz für ein deutlich vereinfachtes Steuersystem mit niedrigeren Sätzen. Beide haben inzwischen parteipolitisch kaum noch Bedeutung. Fehlt der Mut zur Erneuerung des Steuersystems oder waren die Vorschläge unausgegoren?
Beides. Der Vorschlag von Paul Kirchhof hat zu wenig beachtet, dass Kapitaleinkommen unter Allokationsgesichtspunkten stärker als Arbeitseinkommen zu entlasten sind, und die heutige Politik vertraut zu wenig auf den Markt. Der Staat kriegt doch wieder zu viel Geld in die Hand. Ich bin zuversichtlich, dass Kirchhoff und Merz ihre Vorschläge soweit hätten verbessern können, dass zum Schluss ein gutes Gesamtsystem entstanden wäre.
Der Wirtschaftsweise Prof. Peter Bofinger wirft Ihnen vor, Sie würden Zukunftsängste schüren und Jammerdepressionen verbreiten. In Wirklichkeit ginge es uns doch gut, der Staat könne ruhig mehr Schulden machen, die Löhne könnten angehoben werden und zu viele Reformen würden uns womöglich nur schaden. Hat Herr Bofinger Recht oder ist er von Sinnen?
Zwischen diesen Alternativen gibt es noch eine dritte Möglichkeit. Herr Bofinger hat weder Recht, noch ist er von Sinnen. Aber er liebt es, die Meinungen anderer ins Groteske zu verzerren. Ich habe im Dezember 2005 als Erster den Aufschwung ausgerufen. Ifo wurde im Frühjahr 2006 wegen seines Konjunktur-Optimismus regelmäßig in der Presse verhöhnt. Ich kann Ihnen ein halbes Dutzend Pressestimmen dazu zeigen. Wie kann ich da Jammerdepression verbreiten? Ich mache Bofinger ja auch nicht zum Kommunisten, wenn ich seinen Exzessiv-Keynesianismus kritisiere. Also, ein bisschen mehr Wahrheit und Ehrlichkeit könnte man von Herrn Bofinger schon einfordern.
Interview: Gordon Bonnet, IHK Wiesbaden E-Mail:
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