Die Europäischen Kommission hat kürzlich einen wichtigen Vorschlag zur
Einrichtung eines Europäischen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen (EQR) vorgelegt, der von der Erkenntnis ausgeht, dass in einem Europa, das von einer rasanten Entwicklung in Technik und Wirtschaft, vom globalen Wettbewerb und von einer raschen Überalterung geprägt ist, lebenslanges Lernen für jedermann zu einer Notwendigkeit geworden ist. Für die Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union sei es, so die Begründung dieses Vorschlags, notwendig, dass die Bürgerinnen und Bürger ihre Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen laufend auf den neuesten Stand bringen und dabei auch klare Kriterien für die Beurteilung und Auswahl der Aus- und Weiterbildungsangebote zur Hand haben.
Lebenslanges Lernen werde jedoch, schließen die Autoren des Vorschlags, durch
fehlende Kommunikation und Kooperation zwischen Bildungsanbietern und zuständigen Stellen in der allgemeinen und beruflichen Bildung auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Ländern erschwert. Das führe zu Barrieren, die den Bürgerinnen und Bürgern den
Zugang zu Aus- und Weiterbildung versperrten und auch verhinderten, dass sie Qualifikationen verschiedener Einrichtungen miteinander kombinieren können. Diese Barrieren machten es den Bürgerinnen und Bürgern auch schwer, sich
am europäischen Arbeitsmarkt frei zu bewegen und lebenslanges sowie alle Lebensbereiche umfassendes Lernen auf allen Ebenen der Aus- und Weiterbildung und im Rahmen des formalen und informellen Lernens ernsthaft zu betreiben.
Ziel des Vorschlags ist die Einführung von Instrumenten, die die
Transparenz von Qualifikationen gewährleisten, die formales, nicht formales und informelles Lernen besser kombinierbar machen, die
Einführung flexibler Lernpfade erleichtern und das Mobilitätsangebot für Studierende und Praktikanten dadurch verbessern, dass Qualifikationen genauer definiert und so besser eingeordnet und bewertet werden können.
Das bestehende
Europäische System zur Anrechnung von Studienleistungen und das im Entstehen begriffene Europäische Leistungspunktesystem für die Berufsbildung (European Credit Transfer System for Vocational Education and Training) werden es dem Einzelnen leichter machen, Aus- und Weiterbildungsangebote über die europäischen Grenzen hinweg zu kombinieren. Hinzu tritt nun der Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (EQR). Dessen Kern bildet ein Satz europäischer Referenzniveaus, die im Sinne von Lernergebnissen beschrieben werden. Die wichtigste Funktion des EQR besteht darin, den
Vergleich von Qualifikationen zu erleichtern, die von nationalen Stellen verliehen wurden. Die Mitgliedstaaten können dieses Ziel nicht allein erreichen, weil es sich um ein transnationales Problem handelt und vor allem, weil eines der größten Hindernisse mangelndes Vertrauen zwischen nationalen und sektoralen Betroffenen ist, was gegenseitige Anrechnung von Qualifikationen verhindert.
Den Kern des EQR bildet ein Satz von
acht Referenzniveaus, die für Bildungsbehörden auf nationaler und sektoraler Ebene als gemeinsamer und neutraler Bezugspunkt fungieren sollen. Die acht Referenzniveaus
decken sämtliche Qualifikationen ab, vom allgemeinen und beruflichen Pflichtschulabschluss bis zu Fähigkeiten, die auf der höchsten Stufe akademischer und beruflicher Aus- und Weiterbildung verliehen werden. Als Instrument zur Förderung des lebenslangen Lernens umfasst der EQR die Bereiche allgemeine Bildung, Erwachsenenbildung, berufliche Bildung sowie Hochschulbildung. Die Beschreibung der acht EQR-Referenzniveaus setzt bei Lernergebnissen an, also bei Aussagen darüber, was ein Lernender nach Abschluss eines Lernprozesses weiß, versteht und in der Lage ist zu tun. Der Übergang zu Lernergebnissen als zentraler Beurteilungs- und Vergleichsgrundlage macht es möglich, Qualifikationen nach ihrem Inhalt und nicht nach den Methoden und Formen der Vermittlung des Wissens und Könnens zu vergleichen. Für den EQR werden Lernergebnisse als Kombination von Kenntnissen, Fertigkeiten und Kompetenzen definiert. Der jeweilige Anteil dieser drei Elemente wird von Qualifikation zu Qualifikation unterschiedlich sein, da der EQR alle Qualifikationen auf allen Ebenen und sowohl akademische wie berufliche Qualifikationen abdeckt. Die Verwendung von Lernergebnissen für die Beschreibung von Qualifikationsniveaus wird die
Bewertung von Lernprozessen ermöglichen, die
außerhalb formaler Aus- und Weiterbildungseinrichtungen erfolgen und dennoch als zentrales Element des lebenslangen Lernens gelten müssen.
Jedes der acht Referenzniveaus des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR) wird durch eine Reihe von Deskriptoren definiert, die die Lernergebnisse beschreiben, die für die Erlangung der diesem Niveau entsprechenden Qualifikationen in allen Qualifikationssystemen erforderlich sind. Im EQR werden Kenntnisse als Theorie-und/oder Faktenwissen beschrieben. Fertigkeiten werden als kognitive Fertigkeiten (Einsatz logischen, intuitiven und kreativen Denkens) und praktische Fertigkeiten (Geschicklichkeit und Verwendung von Methoden, Materialien, Werkzeugen und Instrumenten) beschrieben. Im EQR wird Kompetenz im Sinne der Übernahme von Verantwortung und Selbstständigkeit beschrieben.
• Referenzniveau 1:Grundlegendes Allgemeinwissen,
grundlegende Fertigkeiten, die zur Ausführung einfacher Aufgaben erforderlich sind, Arbeiten oder Lernen unter direkter Anleitung in einem vorstrukturierten Kontext des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR).
• Referenzniveau 2:Grundlegendes Faktenwissen in einem Arbeits- oder Lernbereich, grundlegende kognitive und praktische Fertigkeiten, die zur Nutzung relevanter Informationen erforderlich sind, um Aufgaben auszuführen und
Routineprobleme unter Verwendung einfacher Regeln und Werkzeuge zu lösen, Arbeiten oder Lernen unter Anleitung mit einem gewissen Maß an Selbstständigkeit.
• Referenzniveau 3:Kenntnisse von Fakten, Grundsätzen, Verfahren und allgemeinen Begriffen in einem Arbeits- oder
Lernbereich, eine Reihe von kognitiven und praktischen Fertigkeiten zur Erledigung von Aufgaben und zur Lösung von Problemen, wobei
grundlegende Methoden, Werkzeuge, Materialien und Informationen ausgewählt und angewandt werden, Verantwortung für die Erledigung von Arbeits- oder Lernaufgaben übernehmen bei der Lösung von Problemen, das eigene Verhalten an die jeweiligen Umstände anpassen.
• Referenzniveau 4:Breites Spektrum an Theorie- und Faktenwissen in einem Arbeits- oder Lernbereich eine Reihe kognitiver und praktischer Fertigkeiten, um Lösungen für spezielle Probleme in einem Arbeits- oder Lernbereich zu finden,
selbstständiges Tätigwerden innerhalb der Handlungsparameter von Arbeits- oder Lernkontexten, die in der Regel bekannt sind, sich jedoch ändern können,
Beaufsichtigung der Routinearbeit anderer Personen, wobei eine gewisse Verantwortung für die Bewertung und Verbesserung der Arbeits- oder Lernaktivitäten übernommen wird.
• Referenzniveau 5:Umfassendes,
spezialisiertes Theorie- und Faktenwissen in einem Arbeits- oder Lernbereich sowie Bewusstsein für die Grenzen dieser Kenntnisse, umfassende kognitive und praktische Fertigkeiten, die erforderlich sind, um
kreative Lösungen für abstrakte Probleme zu erarbeiten, Leiten und Beaufsichtigen in Arbeits- oder Lernkontexten, in denen nicht vorhersehbare Änderungen auftreten, Überprüfung und Entwicklung der eigenen Leistung und der Leistung anderer Personen.
• Referenzniveau 6:Fortgeschrittene Kenntnisse in einem Arbeits- oder Lernbereich unter Einsatz eines
kritischen Verständnisses von Theorien und Grundsätzen, fortgeschrittene Fertigkeiten, die die Beherrschung des Faches sowie Innovationsfähigkeit erkennen lassen, und zur Lösung komplexer und nicht vorhersehbarer Probleme in einem spezialisierten Arbeits- oder Lernbereich nötig sind.
Leitung komplexer fachlicher oder beruflicher Tätigkeiten oder Projekte und Übernahme von Entscheidungsverantwortung in nicht vorhersagbaren Arbeits- oder Lernkontexten, Übernahme der Verantwortung für die berufliche Entwicklung von Einzelpersonen und Gruppen.
• Referenzniveau 7:Hoch spezialisiertes Wissen, das zum Teil an neueste Erkenntnisse in einem Arbeits- oder Lernbereich anknüpft, als Grundlage für
innovative Denkansätze, kritisches Bewusstsein für Wissensfragen in einem Bereich und an der Schnittstelle zwischen verschiedenen Bereichen, spezialisierte Problemlösungsfertigkeiten im Bereich
Forschung und/oder Innovation, um neue Kenntnisse zu gewinnen und neue Verfahren zu entwickeln sowie um Wissen aus verschiedenen Bereichen zu integrieren, Leitung und Gestaltung
komplexer, sich verändernder Arbeits- oder Lernkontexte, die neue strategische Ansätze erfordern, Übernahme von Verantwortung für Beiträge zum Fachwissen und zur Berufspraxis und/oder für die Überprüfung der strategischen Leistung von Teams.
• Referenzniveau 8:Spitzenkenntnisse in einem Arbeits- oder Lernbereich und an der Schnittstelle zwischen verschiedenen Bereichen, die am weitesten entwickelten und spezialisierten Fertigkeiten und Methoden, einschließlich Synthese und Evaluierung, zur
Lösung zentraler Fragestellungen in den Bereichen Forschung und/oder Innovation und zur Erweiterung oder Neudefinition vorhandener Kenntnisse oder beruflicher Praxis Namhafte
Autorität, Innovationsfähigkeit, Selbstständigkeit, wissenschaftliche und berufliche Integrität und nachhaltiges Engagement bei der Entwicklung neuer Ideen oder Verfahren in führenden Arbeits- oder Lernkontexten, einschließlich der Forschung.
So weit der kurze Bericht über die Konzeption eines einheitlichen Europäischen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen (EQR), der in Zukunft im europäischen Raum sicherlich eine Rolle spielen wird. Der geneigte Leser dieses Beitrags mag den Versuch machen, seine eigene berufliche Qualifikation – oder die seiner Untergebenen, Kollegen, Vorgesetzten oder akademischen Lehrer - anhand dieser Klassifikation einzuordnen. Viel Spaß dabei.
Der
vollständigeText der Publikation kann bei der
Europäischen Kommission abgerufen werden.
Gerhard Schmitt-Rink